Was Tun? Kommentar zum Konvivialismus

Was tun? Anmerkungen zum konvivialistischen Manifest

(voller Text in: Adloff/Heins: Konvivialismus: Eine Debatte)

Im konvivalistischen Manifest wird die bevorstehende politische Auseinandersetzung zur Rückeroberung sozialer Freiheitsräume folgendermaßen beschrieben:

„Es soll nicht verschwiegen werden, dass man, um erfolgreich zu sein, gewaltigen und furchterregenden Mächten entgegentreten muss, Mächten sowohl finanzieller, materieller, technischer, wissenschaftlicher oder intellektueller als auch militärischer oder krimineller Art. […] Die drei Hauptwaffen gegen diese kolossalen und oft unsichtbaren oder nicht zu lokalisierenden Mächte sind folgende:

– Die Entrüstung über die die Maßlosigkeit und die Korruption …“ (71/72), …

– „das Gefühl, Teil einer gemeinsamen Weltgemeinschaft […] von Individuen […] zu sein, die am selben Kampf für eine ganz und gar menschliche Welt teilnehmen“, sowie …

– „die Mobilisierung der Affekte und Leidenschaften“, um eine „weltweit wirklich demokratische, zivilisierte und konvivalistische Gesellschaft zu errichten“ (72).

Damit sind die wichtigsten politischen Mittel zur Bekämpfung der Economentalität benannt. Es ist wohl kein Zufall, dass sie unter der Überschrift „Was tun?“ eingeführt werden.

Ich stimme diesem Anliegen und dem sich darin ausdrückenden Verantwortungsbewusstsein ausdrücklich zu. Die im Manifest dargestellten globalen Risiken und Ungerechtigkeiten legen Intellektuellen in der Tat eine erhebliche Mitverantwortung dafür auf, mehr Bewusstsein für diese Probleme zu schaffen und sich an Lösungen zu beteiligen. Immerhin ist die Art und Weise, wie in sozialwissenschaftlichen und philosophischen Theorien einzelne Hinsichten ausgewählt, Zusammenhänge zwischen ihnen hergestellt und sie in größeren Erzählungen mit Sinn ausgestattet werden, eine wesentliche Voraussetzung für die politische Einordnung von Erfahrungen und die Formulierung politischer Ansprüche. Theoretisieren ist letztlich eine Praxis, durch die bestimmte Handlungsweisen wahrscheinlich und bestimmte Sichtweise erst möglich werden. Und wie für jede Praxis gilt auch für die Praxis, wie die Sozialwissenschaften die Welt erzählen, dass mit ihr eine Verantwortung für die damit verbundenen Einstellungen und Konsequenzen verbunden ist.

Insbesondere für die normativen Wissenschaften ist der Gedanke aber noch fremd, dass vernünftige Prinzipien und Ziele nicht nur gut begründet sein sollten, sondern auch mit Praktiken verbunden sein müssen, die diesen Prinzipien und Zielen entsprechen. Eine gute Sozialwissenschaft und Philosophie braucht nicht nur gute Begründungen und richtige Fakten, sondern auch eine Reflexion über ihre politischen Konsequenzen.

Dies ist eine Diskrepanz, die in der Gerechtigkeitsdebatte der letzten Jahrzehnte häufig anzutreffen ist. Dort wird in der Regel ein Verständnis von Gerechtigkeit entwickelt, nach dem die globale Ordnung massiv Ungerechtigkeiten aufweist, um dann Vorschläge für umfassende politische Reformen zu begründen. Vorausgesetzt wird anscheinend, dass diese Ungerechtigkeiten einen Designfehler darstellen, der, um ihn zu reparieren, bloß identifiziert werden muss. Damit wird aber weder hinreichend beachtet, wie weit die im Begriff der Economentalität ausgedrückte Struktur globaler Herrschaft bereits die Räume politischer Reflexion und ihre Agenten selbst erfasst hat. Im Grunde müsste aus den Analysen schwerer globaler Ungerechtigkeit eine Theorie des globalen politischen Widerstands, zumindest aber eine Theorie des globalen zivilen Ungehorsams folgen.

Der Punkt ist, dass eine Umdeutung normativer Leitbegriffe nur von Erfolg beschieden sein wird, wenn zunächst die institutionellen Voraussetzungen für einen kritischen Diskurs zurückgewonnen werden. Das heißt, dass die Etablierung einer konvivalistischen Semantik liberaler Leitbegriffe – wie sie etwa Axel Honneth mit seinem Begriff „sozialer Freiheit“ vornimmt – bereits den politischen Kampf um den öffentlichen Raum voraussetzt. Die Universität ist solch ein politischer Raum, in dem mit alternativen Sichtweisen und Lebensentwürfen experimentiert werden kann. Am Anfang einer Initiative von Akademikerinnen sollte daher eine klare Aussage zu erkennen sein, wie der ökonomistischen Gleichschaltung der Universität entgegengetreten werden kann. Auch ihr Beitrag kann sich nicht auf den Kampf um den Begriff zurückziehen, sondern er muss beim politischen Kampf um die strukturellen Voraussetzungen der Begriffsbildung ansetzen. Oder anders gesagt: der Kampf um Begriffe müsste selbst so geführt werden, dass wir uns zunächst einmal darüber klarer werden, wie wir der grassierenden Economentalität die Tür zur Universität öffnen konnten.