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Barbara Streisand klont ihre Hunde – Interview zum reproduktiven Klonen (Online Magazin Liebenswert, 05.03.2018)

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Welche moralischen Fragen spielen bei einer Debatte ums Klonen eine Rolle?
Quasi alle. Die Debatte ums reproduktive Klonen ist ein Testfall für so gut wie jede Moraltheorie.

Für viele verletzt das reproduktive Klonen schlicht und ergreifend ein grundsätzliches Tabu. Es ist gegen die Natur. Aus ethischer Perspektive ist es aber schwierig, Natürlichkeitsnormen zu begründen, weil das, was natürlich erscheint, von Zeit zu Zeit und Person zu Person variiert.

Um eine kritische Haltung gegenüber dem reproduktiven Klonen zu unterfüttern, wird deswegen oftmals prinzipienethisch argumentiert. Die Frage ist hier, ob beim Klonen nicht eine Schädigung oder das Risiko einer solchen vorliegt, was unbedingt zu unterlassen ist.

Ebenso steht zur Debatte, ob eine Würdeverletzung in Form einer Instrumentalisierung des Klons oder der austragenden Leihmutter vorliegt.

Ein dritter Bewertungsaspekt ist konsequentialistisch. Was sind die unmittelbaren und langfristigen Folgen des reproduktiven Klonens. Welches Leid entsteht durch Klonen, aber auch, welche Glücksrendite steht zu erwarten?

Weiter geblickt ist beispielsweise zu berücksichtigen, welches Unbehagen das Klonen bei unbeteiligten Dritten auslöst, und effektive Altruistinnen fragen zu Recht, wie viel Leid sich auf der Welt mit dem Geld – es kursiert die Summe von 50.000$ für einen geklonten Hund – vermeiden ließe.

Richtig interessant wird es, wenn wir langfristige Auswirkungen auf unseren Umgang mit Leben und Tod, Identität, Liebe und Verlust betrachten. Verliert das Leben im Zeitalter seiner künstlichen Reproduzierbarkeit seinen Wert? Ist der Tod kein absolutes Ende mehr, das unserem Leben Sinn verleiht? Werden wir unfähig, mit Verlust umzugehen? Hängt die Menschenwürde nicht an unserer Einzigartigkeit? Oder bleibt der Wert eines Menschen oder Tieres noch derselbe, wie der ihrer Kopie?

Macht es ethisch einen Unterschied, ob ein Mensch oder ein Haustier geklont wird?
In dieser Frage bin ich gewissermaßen Speziesist. Das heißt, ich sehe einen moralischen Unterschied zwischen Menschen und Tieren, allein weil Menschen Menschen sind. Auch wenn komatöse Menschen moralisch relevante Eigenschaften nicht haben, die wir wiederum intelligenten Tieren zuschreiben, erkennen wir uns in ihnen wieder und belegen sie deswegen mit dem Tabu der Menschenwürde.

Dieser Status wird allen anderen Spezies verweigert, auch wenn wir mit ihnen fühlen und leiden. Sicher haben Tiere moralische Ansprüche, etwa den, nicht gequält oder grundlos getötet zu werden. Auf einen erfolgreich geklonten Hund kommen heute zwei Fehlgeburten, was ein klares und meines Erachtens unverhältnismäßige Schadensrisiko darstellt.

Die oben beschriebene ethische Dimension, dass Klonen an den Grundfesten unserer Identität rührt und unser Selbstverständnis als Menschen in womöglich problematischer Weise verändert, ist aber ausschlaggebend dafür, reproduktives Klonen beim Menschen in einer ganz anderen Kategorie anzusiedeln.

Wohlgemerkt, ich halte es gar nicht für ausgemacht, dass Klonen unser Selbstbild in negativer Weise verändert, aber allein, dass eine solche Veränderung unseres Menschseins denkbar ist, scheint mir ein guter Grund zu sein, behutsam mit dieser Technik umzugehen.

Unterliegen diese ethischen Fragen einem Wandel der Zeit?
Ja, natürlich. Gerade weil die ethische Beurteilung darauf eingehen muss, wie Klonen mit unserem Selbst- und Weltbild zusammenstimmt, kann es keine zeitlose Bewertung geben. Unsere Selbstbilder und die sie flankierenden moralischen Gefühle befinden sich in stetem Wandel. Vor einigen Jahrhunderten haben medizinische Eingriffe ein ähnlich frankensteineskes Unbehagen ausgelöst wie heute das Klonen. Und es ist instruktiv zu beobachten, wie rasch Entwicklungen in der Reproduktions- und Fertilisationsmedizin an öffentlicher Akzeptanz gewonnen haben.

Heute ist es durchaus denkbar, dass menschliches Klonen mit risikoärmerer Technik und fortschreitender Normalisierung in wenigen Generationen zum medizinischen Alltag gehören wird. Es ist eben aber auch denkbar, dass dies einen moralisch äußerst kostspieligen Umbau unseres Selbstverständnisses erfordert.

Der von Stephen King in Friedhof der Kuscheltiere verdichtete Schauer vor dem reproduktiven Klonen von Haustieren scheint jedenfalls bereits aus einer anderen Zeit zu stammen.

 Können Sie erklären, warum Haustierbesitzer sich eine geklonte Version ihres Tieres wünschen?
Ehrlich gesagt, kann ich mich nicht darin hineinversetzen. Ich bin zuversichtlich, dass ich in der Lage wäre, eine vergleichbar wertvolle Beziehung auch zu einem neuen Haustier zu entwickeln. Der genetische Zwilling würde mich wohl eher an den Verlust erinnern. Auch würde er seiner Aufgabe als Reinkarnation nicht erfüllen, weil es eben nicht dasselbe Tier ist. Barbara Streisands Interview zeigt ja, dass ihre geklonten Hunde charakterliche Unterschiede aufweisen.

Offensichtlich ging es aber Frau Streisand in ihrem Bedürfnis, in die Augen ihres verstorbenen Hundes zu blicken, anders als mir. Deswegen sollte die moralische und rechtliche Beurteilung nicht von persönlichen Sensibilitäten abhängen, sondern von objektivierbaren Gründen wie dem unangemessenen Risiko einer Schädigung.

Ein Hundebesitzer lässt seinen Hund vor dem Ableben klonen. Was bedeutet das für die Bewältigung der Trauer nach dem Verlust? Kann man so trauern? Wird Trauer verdrängt?

Ich fürchte ja, dass die Trauer durch den im Klon ansichtig werdenden Verlust noch verlängert wird. Trotzdem ist es möglich, dass Klonen das Trauern gehörig verändern oder sogar ein Stück weit überflüssig machen wird. Die Frage, ob Trauer „verdrängt“ zu werden droht, impliziert allerdings bereits eine bestimmte Normalität im Umgang mit Tod und Verlust, die nicht nur als selbstverständlich, sondern auch als richtig angenommen wird. Trauer ist eine sozial und kulturell kodierte Praxis, die uns lehrt, mit Verlust umzugehen, ihn zu verarbeiten und ein neues Leben auf das alte aufzubauen. Aber ist sie ein Gut an sich? Eine Welt mit weniger Trauer ist nicht unbedingt eine schlechtere Welt, wenn es darin auch wirklich weniger Anlass zur Trauer gibt.

Oben habe ich gesagt, dass es in der moralischen Beurteilung entscheidend ist zu beachten, dass durch Klonen unser Umgang miteinander und mit dem Leben verändert wird, was schmerzhaft und unheimlich sein kann. Möglicherweise müssen wir mit dem unvermeidlichen Umbau unseres Selbstverständnisses aber schon heute beginnen, da die Technik unaufhaltsam voranschreitet. Ich finde es jedenfalls zu morbide, wenn Stuart Heritage im Guardian schreibt, dass Streisands Klonen eine Tragödie ist, weil es zum Sinn der Mensch-Tier Partnerschaft gehöre, etwas über den Tod zu lernen. Dass Klonen das Versprechen in sich birgt, dem Tod ein Schnippchen zu schlagen, mag nach Hybris klingen, ist deswegen aber nicht zwangsläufig des Teufels. Und auch wenn das Streben nach Unsterblichkeit nur weitere Golems zu produzieren vermag, ist es doch nicht unnatürlich, sondern allzumenschlich.