Abgeschlossene Forschungsprojekte

Politischer Kosmopolitismus: Praktikabilität, Verantwortung, Menschenrechte (2017)

In Politischer Kosmopolitismus (2017) ziehe ich eine Zwischensumme aus meinen Arbeiten zur globalen Gerechtigkeit. Meine Sichtweise dazu hat sich schrittweise verändert. In Moralische Selbstachtung (2008) begann ich mit einer moralischen Begründung einer subsidiär-föderalen Weltrepublik. Nach wie vor vertrete ich die Auffassung, dass die Selbstachtung einer Person eine moralische Selbstkonstitution voraussetzt, die wiederum von rechtlichen Anerkennungsstrukturen abhängt.

Inzwischen bin ich aber der Ansicht, dass moralische Begründungen dieser Art zur Festigung des eigenen normativen Standortes zwar notwendig, im transkulturellen Diskurs aber allzu oft fehlplaziert sind. Wo moralische Grundannahmen nicht bereits geteilt werden, lassen sie sich auch nicht andemonstrieren. Daher meine ich, dass die Herausforderung für eine globale Gerechtigkeitstheorie nicht allein darin bestehen kann, die eigene Perspektive auf Gerechtigkeit zu begründen.

Hinzu kommt der Anspruch, etwas aus philosophischer Perspektive zu globaler Gerechtigkeit sagen zu können, das nicht utopisch bleibt, sondern politische Anschlussfähigkeit beanspruchen kann. Dieses Anliegen führt mich dazu, globale Gerechtigkeit stärker von der Idee politischer Versöhnung und Verantwortung aus in den Blick zu nehmen. Mit dem bestehenden Unrechtsregime muss einerseits nach Maßgabe ausgleichender Gerechtigkeit verfahren und strafgerichtlich abgerechnet werden. Um das gesellschaftliche Vertrauen in die notwendige gemeinsame Kooperation wiederherzustellen, gilt es aber auch, einen restaurativen Versöhnungsprozess zwischen den Opfern und Tätern bzw. zwischen verfeindeten Gruppen in Gang zu setzen, einen Prozess, der öffentliche Foren der Verzeihung, der Annäherung und der Übereinstimmung erforderlich macht. Es ist ein, wie ich finde, erhellender Gedanke, die Politische Philosophie selbst als solch ein Forum der Versöhnung zu begreifen.

Damit sind die wesentlichen Herausforderungen benannt, an denen sich die vorliegende Schrift abarbeitet. Ich vertrete einen Ansatz, den ich als ‚politischen Kosmopolitismus‛ bezeichne.

Im Gegensatz zum moralischen und juridischen Kosmopolitismus beantwortet mein politischer Kosmopolitismus die Frage, was wir von einer globalen Gerechtigkeitstheorie wollen, in einer bestimmten Weise. Seine realistische Utopie eines globalen Menschenrechtsregimes resultiert erstens aus der Methode des politischen Rekonstruktivismus (1); zweitens orientiert sie sich an der Idee politischer Verantortung (2); und drittens vertrete ich eine politische bzw. praktische Menschenrechtskonzeption, die sich von moralischen Konzeptionen abhebt (3). Eine kurze Einordnung dieser drei Elemente gibt zugleich einen Überblick über die drei Hauptteile meiner Abhandlung.

  1. Ich bezeichne meine Methode als politischen Rekonstruktivismus, weil es sich um eine bestimmte Weiterführung von Axel Honneths normativem Rekonstruktivismus handelt (1.3). Zudem orientiert sie sich in einigen Aspekten an John Rawls’ Idee eines politischen Konstruktivismus (1.2). Beiden folge ich darin, dass eine realistische Utopie die Grenzen des politisch Möglichen beachten, diese aber durch die Explikation vorhandener Legitimitätsansprüche und politischer Verantwortungsstrukturen erweitern sollte. Über beide Autoren gehe ich aber hinaus, insofern ich aus der Analyse globaler Herrschaftsstrukturen und Rechtfertigungsnarrative die Grundzüge einer kosmopolitischen Gerechtigkeitskonzeption freilege.
  2. Der zweite Teil ist der Idee politischer Verantwortung gewidmet. Politische Verantwortung bedeutet, dass politische Akteure innerhalb ihres Einflussbereichs nicht nur für Zustände, sondern auch für die Regeln, Institutionen und Praktiken, die diese Zustände strukturell ermöglichen, rechenschaftspflichtig sind, und zwar auch dann, wenn sie selbst weder die Zustände, noch die sie ermöglichenden Strukturen kausal hervorgebracht haben. Ich werde in der Diskussion von Max Weber (2.2.1), Hans Jonas (2.2.2) und Hannah Arendt (2.2.3) zunächst kurz in die Geschichte dieser Idee einführen, um sie dann in einem zweiten Schritt in Anlehnung an Thomas Pogge (2.3.1) und Iris Young (2.3.2) zu einer kosmopolitischen Verantwortungskonzeption weiterzuentwickeln. Leitthese ist, dass sich der Skopus spezifisch politischen Verantwortung über unsere staatsbürgerliche Verantwortung hinaus entgrenzt hat.
  3. Im dritten Teil der Abhandlung werde ich eine praktische bzw. politische Konzeption der Menschenrechte verteidigen (3.2). Damit ist im Wesentlichen gemeint, dass Menschenrechte nicht auf moralische Ansprüche reduzierbar sind, sondern durch genuin politische Funktionen definiert werden. In der globalen Arena besteht ihre Funktion in der Hauptsache darin, Herrschaftsansprüche zu legitimieren und umgekehrt der Kritik an Ungerechtigkeiten eine universell verständliche und auf internationale politische Resonanz stoßende Sprache zu geben. Menschenrechte fungieren bereits als globale Legitimationsstandards, die supranationale Mechanismen der Inverantwortungsnahme auslösen. Mein Argument läuft entsprechend darauf hinaus, dass sich die politische Verantwortung für die realistische Utopie eines globalen Menschenrechtsregimes bis in unsere Wohnzimmer hinein zurückführen lässt (3.3.).