Wenn Du ein*e Egalitarist*in bist, wie kommt es, dass Du im Lehnstuhl sitzt?

Diskutiere mit unter What’s Left?

Viele Menschen, die ich kenne, bezeichnen sich als Egalitaristinnen. Damit meinen sie, dass sie jedem Menschen die gleichen Chancen oder die gleichen Zugänge zu einem menschenwürdigen Leben einzuräumen bereit sind. Oder sie denken, dass alle Menschen in der Lage sein sollten, den sozialen Raum als Gleiche zu teilen.

Streng genommen waren europäische Gesellschaften niemals egalitär. Aber heute wachsen die sozialen Ungleichheiten in Richtung feudalistischer Niveaus. Nicht nur die Behauptung sozialer Gleichheit, sondern schon das viel bescheidenere Versprechen auf anwachsende Gleichheit verliert seine Glaubwürdigkeit. Angesichts dessen ist es schwer zu begreifen, warum egalitäre Kräfte untätig bleiben und Ralf Dahrendorfs Diagnose vom „Ende des sozialdemokratischen Zeitalters“ (1983) an Substanz gewinnt.

Wenn Du eine Egalitarist/in bist, wie kommt es also, dass Du im Lehnstuhl sitzt?

Zwei Antworten liegen auf der Hand:

  1. Egalitaristinnen streiten sich vornehmlich untereinander, weil sie etwas fundamental Verschiedenes darunter verstehen.
  2. Es gibt überhaupt keine Egalitaristen tout court.

Ich schlage zudem eine dritte Antwort vor, die uns auch eine Erklärung für 1. und 2. an die Hand gibt:

  1. Egalitaristinnen wissen überhaupt nicht, was sie tun sollen

Aber beginnen wir von vorn

  1. Egalitaristinnen meinen etwas fundamental Anderes.

Egalitaristische Lager sind von jeher zerstritten, politisch wie philosophisch. Theoretisch ist zunächst der Egalitarismus der Chancengleichheit oder auch Glücksegalitarismus besonders überzeugend. Er fordert, dass alle Menschen die gleichen rechtlichen und sozialen Ausgangsbedingungen haben sollen, um ein eigenes erfüllendes Leben zu führen. Darüber aber, was es bedeutet, die relevanten sozialen Ausgangsbedingungen anzugleichen, sind Egalitaristinnen im Clinch – vor allem darüber, ob der Kampf um Anerkennung oder materielle Gleichheit geführt werden muss (klassisch dazu: Honneth/Fraser 2003). Gilt es, alte Rollenbilder zu überwinden, die echter Chancengleichheit im Wege stehen, oder Ressourcen fairer zu verteilen, die auch das soziale Selbstbewusstsein bestimmen?

Eine anspruchsvollere Form des Egalitarismus, will nicht Chancen, sondern tatsächliche Zugänge zu einem menschenwürdigen Leben angleichen. Ich spreche hier kurz vom Zugangs-Egalitarismus. Darin sind alle sozialen Gruppen vergleichbar erfolgreich, präferierte soziale Positionen zu besetzen. Gleiche Chancen zufriedenstellend umzusetzen, kann selbst unter fairen sozialen Voraussetzungen misslingen. Möglichkeiten bleiben auf eine zu bereuende Weise ungenutzt. Und die bloße Tatsache, dass bestimmte Gruppen in wichtigen gesellschaftlichen Positionen unterrepräsentiert sind, ist ein Hinweis dafür, dass subtile strukturelle Ungleichheiten (wie Mikroagressionen oder epistemische Ungerechtigkeiten) untilgbar weiterbestehen. Entsprechend fordert der Zugangs-Egalitarismus, Befähigungen und wichtige Funktionen nach dem Gleichheitsgrundsatz umzuverteilen. Das beginnt bei der Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens und endet beim Vorschlag, Studienplätze zu verlosen oder Quoten für die wichtigsten politischen und wirtschaftlichen Positionen einzuführen. (Vgl. dazu G.A. Cohen 2009)

In einer dritten Form des Egalitarismus stehen weniger individuelle Chancen oder Zugänge zu einem selbstbestimmten Leben im Vordergrund als das Zusammenleben in einer vergleichbaren Lebenswelt. Ich spreche hier von einem Egalitarismus der Lebensform. Idealerweise ist eine egalitäre Gesellschaft eine der wechselseitigen Sorge und Solidarität, weil die Menschen in vergleichbaren Räumen vergleichbare Erfahrungen machen und ineinandergreifende Zwecke entwickeln (vgl. Honneth 2015). Sie sorgen sich gemeinsam um den Zustand geteilter öffentlicher Räume, beispielsweise des Schulsystems, und leben in einer gemeinsamen Lebenswelt. Politisch bedingt das eine egalitäre Bildungspolitik, aber auch Maßnahmen, private in öffentliche Räume zu verwandeln, im Verkehr, der Kultur, der Natur oder Freizeit.

Ganz gleich, ob Chancen, Zugänge oder Lebensformen angeglichen werden sollen, gilt heute, dass der Egalitarismus in Rückzugsgefechten verstrickt ist – wenn er denn überhaupt fechtet. Ein Grund liegt darin, dass die genannten Spielarten im Streit miteinander liegen.

Ich habe aber den Verdacht, dass das Problem fundamentaler anzusiedeln ist, nämlich:

  1. Es finden sich überhaupt keine Egalitaristinnen tout court.

Der Streit zwischen verschiedenen Spielarten des Egalitarismus ist nicht nur ein theoretischer, sondern immer auch ein politischer. Das heißt, der Egalitarismus der Chancen, der Zugänge und der Lebensform reagiert auf jeweils spezifische Ungerechtigkeiten und schützt die Interessen bestimmter ungleich behandelter Gruppen. Das heißt, egalitaristische Positionen treten egalitär gegenüber den Bessergestellten auf, sie verhalten sich aber unsolidarisch gegenüber konkurrierenden ungleichbehandelten Gruppen.

Wenn der Egalitarismus der Chancen die Angleichung sozialer Voraussetzungen fordert, schließt er an Erfahrungen unterschiedlicher Gruppierungen an. Das Prekariat handelt unter mangelnden Optionen, weil es kein Vermögen und soziale Sicherheit hat; Frauen erfahren ein pay und imagination gap, weil die Konstruktion ihres Geschlechts anachronistische Machtverhältnisse konserviert; arabischstämmige Deutsche haben keine gleichen Chancen, weil sie auf Misstrauen stoßen, usw. Mittlerweile ist eine Entsolidarisierung zwischen denen zu beobachten, die aus einer relativ privilegierten Position heraus identitätspolitische Forderungen durchsetzen und denen, deren Forderungen nach materieller Gleichheit nicht in gleicher Weise Beachtung finden – etwa wenn berechtigte Forderungen nach Gendergerechtigkeit unsensibel gegen Ansprüchen sozial schwacher oder rassistisch diskriminierter Männer bleiben. Zudem kostet Identitätspolitik den Bessergestellten zumeist weniger, da materielle Gleichheit unter Umständen ein levelling downund Grenzen des Reichtums erfordert (s. Christian Neuhäuser 2018). Im Ergebnis entkoppeln sich Forderungen nach Anerkennung von Forderungen materieller Gleichstellung. Der Egalitarismus wird inegalitär oder sogar elitär – wie es gegenwärtig Francis Fukuyama (2019) propagiert.

Ähnliches gilt für den Egalitarismus der Zugänge. Eine voraussetzungslose Öffnung von Zugängen stößt auf Widerstand bei denjenigen, die ihre Chancen genutzt haben und sich verdientermaßen in einer vorteilhaften Position sehen – auch wenn Glück und soziale Strukturen dies begünstigt haben. An der Auseinandersetzung über das bedingungslose Grundeinkommen lässt sich die Entsolidarisierung zwischen Arbeiterinnen, deren soziales Selbstbewusstsein auf einem Ethos von Fleiß und Entbehrung gründet, und denen, welche die damit geschaffenen Zugänge zu kreativen Tätigkeiten besonders gut zu nutzen wissen, verdeutlichen. Der Egalitarismus wird inegalitär.

Besonders deutlich wird der Widerspruch am Egalitarismus der Lebensform. Dass öffentliche Räume, in denen sich alle Bevölkerungsgruppen begegnen und einen Sinn für das gemeinsame Gute entwickeln, erodieren, ist ein gut herausgearbeitetes Problem (Michael Sandel 2013/14). Eine kosmopolitische Elite, die sich selbst egalitär versteht, begegnet den Armen, Ungebildeten, Abgehängten oder Immigranten kaum noch in den gleichen Schulen, Stadtvierteln, Stehblöcken, Internetforen oder Stadtbussen. Oftmals fällt es ihr leichter, sich um die global Armen oder zukünftigen Generationen zu sorgen. Der Egalitarismus ist inegalitär geworden, weil er von einer faktisch segregierten Lebensform vertreten wird.

  1. Egalitaristinnen wissen nicht, was sie tun sollen

Dass egalitaristische Kräfte der  Neo-Feudalisierung  tatenlos zusehen, liegt am Streit darüber, worin das egalitaristische Projekt überhaupt besteht, und daran, dass jeder Egalitarismus seine eigenen Ausschlüsse vornimmt. Meine These ist, dass nur ein umfassender Egalitarismus, in dem Maßnahmen zur Angleichung materieller und identitätsbasierter Chancen, von Zugängen und Lebensformen ineinandergreifen, seinen egalitären Prämissen gerecht wird.

Meine konkrete Antwort lautet aber, dass dieses theoretische Projekt dem antagonistischen Charakter des Politischen entgegensteht und auf der Suche nach der Wiedererweckung egalitärer politischer Kräfte vorerst im Hintergrund bleiben kann. Hier und jetzt scheint es am Dringendsten, wenn wir uns auf Konsensprojekte konzentrieren. Es gilt einen Kampf gegen Ungleichheiten aufzunehmen, gegen die Egalitaristen aller Lager schon einmal gemeinsam gekämpft haben, die aber unter den Vorzeichen einer plutokratischen Globalisierung eine neue Dynamik erhalten haben. So könnte sich eine politische Bewegung auf folgende Eckpunkte verständigen:

– Die Überwindung von Chancenungleichheiten aufgrund von Gender, Herkunft, Alter oder Ressourcen, durch affirmative actionInstrumente, die andere benachteiligte Gruppen nicht diskriminiert.

– Die Stärkung sozialer Durchlässigkeit, was u.a. eine Reform des ständegesellschaftlichen Schulsystems erfordert.

– Die Garantie der wichtigsten gesellschaftlichen Zugänge, was eine Mindestrente und zumindest ein qualifiziertes Grundeinkommen in den Blick rückt.

– Die Bekämpfung wachsender Vermögensungleichheiten durch eine effektive Erbschafts- und Vermögenssteuer.

– Die Verteidigung öffentlicher Räume und die Förderung einer geteilten Lebenswelt durch entsprechende wohnungs-, bildungs-, verkehrs- und kulturpolitische Instrumente.

Die Liste ließe sich verlängern. Der Punkt ist, dass dies kein Wunschzettel ist. Die Erfahrungen von Ungleichheit sind real und tiefgreifend – und erfassen längst schon ‚Lehnstuhl‘-Egalitaristen wie mich, sprich die ‚bürgerliche Mitte‘. Ein letzter Grund, warum sich Egalitaristinnen dennoch nicht aufraffen, ist das Fehlen einer politischen Bewegung, die nicht, wie Wagenknechts „Aufstehen-Bewegung“, eine nationale Sichtweise widerspiegelt, sondern die nötigen Antworten mit Sinn für globale und intergenerationelle Solidarität vertritt. Für eine solche Bewegung lohnte es sich dann auch, den zivilen Gehorsam gegenüber der Neo-Feudalisierung aufzugeben.