Anmerkungen zur politischen Korrektheit

Political Correctness, oder korrekter: Politische Korrektheit hat neuerdings einen schlechten Ruf.

Das hat zwei Gründe.

Auf der einen Seite (rechts) stehen die, die in ihr einen Maulkorb sehen, verordnet von „den Medien“ oder auch „versifften 68ern“, gemeint sind Eliten aus dem liberal-kosmopolitischen Milieu. Jemand wie ich.

Mit einem vorangestellten „Man wird doch wohl noch sagen dürfen“ lässt sich aber weiter alles sagen, was man nicht sagen darf, weil diese Eliten vor allem eins, tolerant, sein wollen.

Mittlerweile ist dadurch eine Parallelgesellschaft entstehen. Immer häufiger begegnen mir Menschen, die auf einem Heimatfilm hängen geblieben zu sein scheinen. Im Schutze des Internets haben sie ihren eigenen Code politischer Korrektheit programmiert – und sich aus Nationalismus aus der deutschen Leitkultur verabschiedet.

Links davon lässt sich die Tendenz ausmachen, immer engmaschigere Sprachkontrollen einzuführen. Das Sprachregime regelt nicht mehr einfach mehr nur den politischen Raum, sondern jedes Miteinander-Sprechen.

Das wiederum befeuert das Gefühl weiter rechts, einen Maulkorb verordnet zu bekommen. Menschen, die wie ihre Eltern sprechen, werden wahlweise als Chauvinist („Fräulein“), Rassist („Mohrenköpfe“), Nationalist („die Deutschen gehen so…“) oder Sexist („Kompliment!“) denunziert.

Was kann die Philosophie dazu beitragen?

Die Politische Philosophie schreibt politischer Korrektheit zwei wichtige Funktionen zu:

Einmal zeigt sich in ihr die Achtung gegenüber dem Anderen, den man in seinen Äußerungen nicht kränken oder erniedrigen sollte – und dem wir in öffentlichen Angelegenheiten Gründe für unsere Meinung schulden.

Zweitens liegt die Funktion politischer Korrektheit darin, einander in einer gemeinsamen Sprachlandschaft zu beheimaten. Im Grunde hat und braucht jede Gesellschaft ihre charakteristische Semantik politischer Korrektheit. Indem wir einen Sinn für Tabus, idiomatische Werte oder ganze Gerechtigkeitserzählungen teilen, wird der Andere einer von uns.

Politische Korrektheit ist somit ein Ausdruck wechselseitiger Achtung und gesellschaftlicher Inklusion; praktisch wird sie aber zunehmend als Herrschafts- und Distinktionsgeste erfahren.

Wie kam es dazu?

In der klassisch-liberalen Theorie ist politische Korrektheit, wie gesagt, auf den Raum des Politischen beschränkt. Wer Macht hat oder beansprucht, hat sich den Spielregeln politischer Korrektheit zu unterwerfen. Am Stammtisch (so es ihn noch gibt), darf und soll hingegen jede reden, wie ihr das Maul gewachsen ist.

Allerdings ist diese Aufteilung in private und öffentliche Räume nicht aufrechtzuerhalten. Feministinnen haben früh darauf aufmerksam gemacht, dass Diskriminierung in persönlichen Verhaltensweisen und Einstellungen beginnt. Und dies zurecht. In der Art, wie die Andere sprachlich konstruiert wird („Fräulein“), entscheidet sich die Frage, wie wir einander ansehen und zueinander stehen.

Deswegen beginnen emanzipatorische Kämpfe bei der alltäglichen Missachtung, die sich in politisch inkorrektem Sprechen manifestiert. Die Sprachkorrektur ist ein Akt der Ermächtigung der Missachteten, erzeugt allerdings selbst eine totalitäre, weil ins Private eindringende Macht, die missbraucht werden kann und wird.

Was tun?

Zurück zur liberalen Einhegung politischer Korrektheit? – Dieser Weg ist versperrt, denn Diskriminierung beginnt eben bei der mikrosemantischen Aneignung des Anderen.

Sollten wir stattdessen alle, die sich durch das Regiment politischer Korrektheit drangsaliert fühlen, ignorieren, weil sie am Falschen festhalten? – Nein, denn dabei werden Menschen vorgeführt und beherrscht, denen der Umbau ihres sprachlichen Selbstverständnisses schwerer fällt als einer durchflexibilisierten Klasse.

Wenn wir eine umfassende Gerechtigkeitsperspektive anlegen, ist das Problem m.E. nicht kompliziert.

Das Regiment politischer Korrektheit muss auf alle Räume ausgeweitet werden, in denen sich sprachliche Verhaltensweisen formieren, eben auf die Familie, das Klassenzimmer, aber auch auf soziale Medien.

Aber wann immer der Andere im Namen politischer Korrektheit ausgegrenzt wird, ist Courage zur politischen Inkorrektheit angebracht. Um die zu kultivieren, braucht es Schutzräume gegen inquisitorische Übergriffe – etwa die Feier des Inkorrekten in der Kunst, die Entlarvung des Überkorrekten im Humor und auch die kritische Freiheit, die jeweilige Herrschaft politischer Korrektheit in der universitären Lehre zu hinterfragen.