Armut? Welche Armut?

Der designierte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) überraschte jüngst mit der Aussage, dass Hartz IV Empfänger in Deutschland nicht wirklich arm seien.

Natürlich sind Hartz-IV-Empfänger arm. Sie sind relativ arm, weil ihr Einkommen weit unter 50% im Vergleich zum Median des Netto-Äquivalenzeinkommens liegt; und sie sind absolut arm, insofern sie sich zwar lebensnotwendige Güter leisten können, aber kaum Zugang zum Würdenotwendigsten haben.

Was bedeutet das?

Zunächst bedeutet es, dass in der Politik ein veralteter Armutsbegriff kursiert. Dieser Begriff ist dem Bild frühindustriellen Elends entsprungen, ist heute aber kaum noch geeignet, die Art von Armut zu beschreiben, der wir in Europa begegnen. Deswegen gilt es, mit verbreiteten Defiziten im öffentlichen Gebrauch des Armutsbegriffs aufzuräumen – und ein zeitgemäßes Bild von Armut vorzuschlagen.

Das alte Verständnis von Armut verweist auf einen materiellen Mangel. Bis vor wenigen Generationen bedeutete Armut, ohne genügend Fett, Zucker, Wärme oder Genuss zu leben und durch harte Arbeit vernutzt zu werden. Wer nicht ausreichend Geld hatte, um seine Bedürfnisse zuverlässig stillen und ausbeuterische Arbeit ablehnen zu können, war arm. Es ist diese Verknüpfung von Bedürfnissen und Geld, die das Bild von Armut bis heute prägt, jedenfalls dann, wenn Sozialhilfeempfänger und „relativ“ Arme als „eigentlich“ nicht arm angesehen werden.

Die Beschreibungskraft des alten Verständnisses von Armut ist schon deswegen dürftig, weil arme Menschen in Europa ja oftmals gerade zum Untätigsein verdammt sind und eher zu viel Fett, Zucker und Genussmittel zu sich nehmen.

Der Mangel, der für heutige Armut bezeichnend ist, ist darum in erster Linie kein materieller Mangel, sondern einer, der es Menschen erschwert, ein menschenwürdiges Leben zu leben. Dazu gehört sicher auch, ausreichend Geld zu haben, aber die wichtigsten Faktoren sind tiefer liegend und deswegen auch nicht einfach durch Transferleistungen zu beseitigen. Sie haben mit der grundsätzlichen Weise zu tun, wie soziale Positionen festgelegt und Beziehungen strukturiert werden. Auch deswegen wird in der Armutsforschung vom monetären Ansatz abgerückt. An seine Stelle treten multidimensionale Ansätze, die verschiedene Hindernisse auf dem Weg zu einem menschenwürdigen Leben in den Blick nehmen.

http://ophi.org.uk/research/multidimensional-poverty/

Ein solches Hindernis ist nach wie vor Arbeitslosigkeit, aber nicht, weil sie Lohn und Brot nimmt, und auch nicht nur, weil sie lärmfreies oder geräumiges Wohnen gefährdet, sondern vor allem, weil sie die Selbstachtung unterminiert, einen anerkennenswerten Beitrag mit und für andere zu leisten.

Eine tiefere Dimension betrifft die gesellschaftliche Konstruktion von Armut, in der Armut einen sozialen Status markiert, der immer auch ein Stigma ist. Wer arm ist, wird als Bittsteller und Belastung wahrgenommen, als jemand, der Leistungen von Fremden in Anspruch nimmt. Begleitet wird sie vom Bewusstsein, an der Verantwortung für sich selbst gescheitert zu sein, ein Makel, den Leistungsgesellschaften zugleich reproduzieren und ausblenden.

https://www.youtube.com/watch?v=HzDiLN4rpeo

Weitere Dimensionen, von denen Hartz IV Empfänger aus verschiedenen Gründen in besonderer Weise betroffen sind, lassen sich als soziale, politische und epistemische Armut beschreiben. Soziale Armut gefährdet die Fähigkeit, wertvolle Beziehungen einzugehen; politische Armut hat mit der Scham zu tun, in die Öffentlichkeit zu treten und selbstbewusst für die eigene Sache zu streiten; und epistemische Armut meint die Erfahrung, von anderen nicht als glaubhaft und kompetent angesehen zu werden, aber auch von Formen der Wissensproduktion ausgeschlossen zu sein.

Kurzum bedeutet Armut hier und heute nicht (nur), dass jemand Hunger oder Kälte erleidet. Das alte Verständnis von Armut sollte nun nicht gegen das neue ausgespielt, aber durch es ergänzt werden. Der neue Armutsbegriff zeigt darauf, dass Menschen soziale Ausschlüsse erdulden müssen, die zu Demütigung, Einsamkeit und Stress führen. Wenn Menschen mitten unter uns nicht das Würdenotwendigste haben, wenn sie nicht die Art von Solidarität erfahren, die nötig ist, um ein volles menschliches Leben in Selbstachtung zu führen, dann hat die Gesellschaft versagt und sollte ihrer Verantwortung nachkommen. Ein Anspruch auf solidarisches Bürgergeld gibt eine zumindest bedenkenswerte Antwort darauf, wie dies am Ausgang der Arbeitsgesellschaft organisiert werden könnte. Aber auch hier gilt, dass nicht nur Geld zu verteilen ist, sondern dass es viel grundsätzlicher um faire Zugänge zu Bildung, anerkannten Tätigkeiten, politischer Mitbestimmung und insgesamt um eine neue Form des Zusammenlebens bzw. der Konvivialität gehen muss.

Anmerkungen zur politischen Korrektheit

Political Correctness, oder korrekter: Politische Korrektheit hat neuerdings einen schlechten Ruf.

Das hat zwei Gründe.

Auf der einen Seite (rechts) stehen die, die in ihr einen Maulkorb sehen, verordnet von „den Medien“ oder auch „versifften 68ern“, gemeint sind Eliten aus dem liberal-kosmopolitischen Milieu. Jemand wie ich.

Mit einem vorangestellten „Man wird doch wohl noch sagen dürfen“ lässt sich aber weiter alles sagen, was man nicht sagen darf, weil diese Eliten vor allem eins, tolerant, sein wollen.

Mittlerweile ist dadurch eine Parallelgesellschaft entstehen. Immer häufiger begegnen mir Menschen, die auf einem Heimatfilm hängen geblieben zu sein scheinen. Im Schutze des Internets haben sie ihren eigenen Code politischer Korrektheit programmiert – und sich aus Nationalismus aus der deutschen Leitkultur verabschiedet.

Links davon lässt sich die Tendenz ausmachen, immer engmaschigere Sprachkontrollen einzuführen. Das Sprachregime regelt nicht mehr einfach mehr nur den politischen Raum, sondern jedes Miteinander-Sprechen.

Das wiederum befeuert das Gefühl weiter rechts, einen Maulkorb verordnet zu bekommen. Menschen, die wie ihre Eltern sprechen, werden wahlweise als Chauvinist („Fräulein“), Rassist („Mohrenköpfe“), Nationalist („die Deutschen gehen so…“) oder Sexist („Kompliment!“) denunziert.

Was kann die Philosophie dazu beitragen?

Die Politische Philosophie schreibt politischer Korrektheit zwei wichtige Funktionen zu:

Einmal zeigt sich in ihr die Achtung gegenüber dem Anderen, den man in seinen Äußerungen nicht kränken oder erniedrigen sollte – und dem wir in öffentlichen Angelegenheiten Gründe für unsere Meinung schulden.

Zweitens liegt die Funktion politischer Korrektheit darin, einander in einer gemeinsamen Sprachlandschaft zu beheimaten. Im Grunde hat und braucht jede Gesellschaft ihre charakteristische Semantik politischer Korrektheit. Indem wir einen Sinn für Tabus, idiomatische Werte oder ganze Gerechtigkeitserzählungen teilen, wird der Andere einer von uns.

Politische Korrektheit ist somit ein Ausdruck wechselseitiger Achtung und gesellschaftlicher Inklusion; praktisch wird sie aber zunehmend als Herrschafts- und Distinktionsgeste erfahren.

Wie kam es dazu?

In der klassisch-liberalen Theorie ist politische Korrektheit, wie gesagt, auf den Raum des Politischen beschränkt. Wer Macht hat oder beansprucht, hat sich den Spielregeln politischer Korrektheit zu unterwerfen. Am Stammtisch (so es ihn noch gibt), darf und soll hingegen jede reden, wie ihr das Maul gewachsen ist.

Allerdings ist diese Aufteilung in private und öffentliche Räume nicht aufrechtzuerhalten. Feministinnen haben früh darauf aufmerksam gemacht, dass Diskriminierung in persönlichen Verhaltensweisen und Einstellungen beginnt. Und dies zurecht. In der Art, wie die Andere sprachlich konstruiert wird („Fräulein“), entscheidet sich die Frage, wie wir einander ansehen und zueinander stehen.

Deswegen beginnen emanzipatorische Kämpfe bei der alltäglichen Missachtung, die sich in politisch inkorrektem Sprechen manifestiert. Die Sprachkorrektur ist ein Akt der Ermächtigung der Missachteten, erzeugt allerdings selbst eine totalitäre, weil ins Private eindringende Macht, die missbraucht werden kann und wird.

Was tun?

Zurück zur liberalen Einhegung politischer Korrektheit? – Dieser Weg ist versperrt, denn Diskriminierung beginnt eben bei der mikrosemantischen Aneignung des Anderen.

Sollten wir stattdessen alle, die sich durch das Regiment politischer Korrektheit drangsaliert fühlen, ignorieren, weil sie am Falschen festhalten? – Nein, denn dabei werden Menschen vorgeführt und beherrscht, denen der Umbau ihres sprachlichen Selbstverständnisses schwerer fällt als einer durchflexibilisierten Klasse.

Wenn wir eine umfassende Gerechtigkeitsperspektive anlegen, ist das Problem m.E. nicht kompliziert.

Das Regiment politischer Korrektheit muss auf alle Räume ausgeweitet werden, in denen sich sprachliche Verhaltensweisen formieren, eben auf die Familie, das Klassenzimmer, aber auch auf soziale Medien.

Aber wann immer der Andere im Namen politischer Korrektheit ausgegrenzt wird, ist Courage zur politischen Inkorrektheit angebracht. Um die zu kultivieren, braucht es Schutzräume gegen inquisitorische Übergriffe – etwa die Feier des Inkorrekten in der Kunst, die Entlarvung des Überkorrekten im Humor und auch die kritische Freiheit, die jeweilige Herrschaft politischer Korrektheit in der universitären Lehre zu hinterfragen.